Vertane Chancen?
„Hitlers Elitetruppe? Mythos Fallschirmjäger”
Ausstellung im MiIitärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden

Der Deutsche Fallschirmjäger
Ausgabe 03/2021
Artikel aus „Der Deutsche Fallschirmjäger“ 03/2021
Zu diesem Artikel
Im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr (MHM) in Dresden soll voraussichtlich Anfang Juni die Ausstellung „Hitlers Elitetruppe? Mythos Fallschirmjäger“ eröffnet werden. Bereits jetzt – also vor der Eröffnung – erreichen den BDF zur Ausstellung Anrufe, Zuschriften und Leserbriefe. Es sind auch offene Briefe an die Museumsleitung des MHM geschickt worden. Anlass sind offensichtlich erste Veröffentlichungen zur Ausstellung im Internet, der inzwischen im Buchhandel erschienene Begleitband des MHM zur Ausstellung sowie ein entsprechender Artikel in der Zeitschrift „Loyal“ des Reservistenverbandes. Die bisherigen Stellungnahmen zur Ausstellung sind – soweit uns bekannt – überwiegend deutlich kritisch und zeigen, dass sich ehemalige und aktive Fallschirmjäger durch die in der Ausstellung getroffenen Aussagen und Wertungen persönlich verletzt fühlen. Einige äußern sich auch verärgert und enttäuscht darüber, dass in der Ausstellung Chancen vertan wurden.
Ich möchte deshalb unseren Mitgliedern und Lesern im Folgenden berichten, welche Rolle der BDF bisher mit Blick auf die Ausstellung gespielt hat. Dem möchte ich einige Anmerkungen zu inhaltlichen Aspekten der Ausstellung folgen lassen. Dieser Artikel soll auch einen Beitrag zur Versachlichung der angelaufenen Diskussion liefern, denn eine erregte Debatte hilft in der Sache nicht, sondern nur eine klare Analyse zum Konzept der Ausstellung und ggf. Richtigstellung bei Fehlern bzw. falschen Behauptungen.

Vor dem Militärgeschichtlichen Museum in Dresden
(v.l.): Kurator Dr. Magnus Pahl, Generalleutnant a.D. Hans-Werner Fritz, Brigadegeneral Stefan Geilen und Direktor Dr. Wagner
Bild: Helmut Michelis, DDF 03/2021
Umfang und Aufbau der Ausstellung
Bei der Ausstellung handelt es sich um eine Plakatausstellung, d.h. die verschiedenen Themenbereiche, die unter der Gesamtüberschrift „Hitlers Elitetruppe? Mythos Fallschirmjäger“ zusammengeführt werden, werden auf Plakaten an den Wänden des Ausstellungsraumes behandelt. Zur besseren Veranschaulichung wird auch eine Reihe von Exponaten präsentiert. Es handelt sich dabei teilweise um Leihgaben – auch aus Privatbesitz – und solchen aus unserer Lehrsammlung an der LL/LTS in Altenstadt.
Die Plakatausstellung gliedert sich im Wesentlichen in vier Themenbereiche, nämlich die Aufbauphase der Fallschirmjägertruppe der Wehrmacht, den Einsatz auf Kreta, die Monte-Cassino-Schlachten und die Rezeption dieser Truppe nach 1945.
Die einzelnen Themenbereiche sind weiter in Unterthemen unterteilt. So finden sich hier z.B. die Stichwörter „Treue um Treue“, „Verbrechen“, „Inszenierte Helden“ „Im Geiste unbesiegt“, „Veteranen“, sowie „Alte Adler“ und Nachwirkungen“. Das Stichwort „Inszenierte Helden“ findet sich in allen vier Themenbereichen.
Unter dem Titel der Ausstellung gibt es inzwischen einen Begleitband, der weiterführende Essays zur Thematik und die bereits angesprochenen Plakate enthält. Dieser Katalog- und Essayband soll den Herausgebern zufolge mehr als eine bloße Begleitpublikation zur Ausstellung sein. „Er hat den Anspruch, den noch auffallend geringen Stand der Forschung nicht nur widerzuspiegeln, sondern zum Teil überhaupt erst zu markieren.“I
Herausgeber des Begleitbandes sind der Direktor des MHM, Oberst Dr. Wagner, sowie der Kurator der Ausstellung, der Wissenschaftliche Oberrat Dr. Pahl. An der Erarbeitung der Plakate als auch des Begleitbandes waren auch Historiker beteiligt, die nicht unmittelbar dem MHM angehören.
Die Plakate können von der Truppe, z.B. für Weiterbildungen, als Nachdrucke angefordert werden.
I Hitlers Elitetruppe? Mythos Fallschirmjäger, herausgegeben von Magnus Pahl und Armin Wagner be.bra verlag, S. 10
Anlass, Ausrichtung und Zweck der Ausstellung
Im Begleitband werden Ausrichtung und Zweck der Ausstellung wie folgt beschrieben:
„Unmittelbarer Anlass für die Ausstellung ist der 80. Jahrestag der deutschen Landung auf Kreta im Mai 1941 (Unternehmen „Merkur“). Doch es stehen nicht allein diese für die Erkenntnis der Leistungen und Grenzen von Luftlandeverbänden durchaus relevante Operation sowie die Schlacht um Cassino 1944 im Fokus. Stattdessen werden die Bedeutung der Fallschirmjäger für die Kriegführung der Wehrmacht insgesamt und innerhalb des militärischen Gefüges zum Thema gemacht sowie deren Kriegsverbrechen dargestellt (…).
Anschließend wird nach ihrer öffentlichen Wahrnehmung in der Nachkriegszeit und in den neuen westdeutschen Streitkräften gefragt. Wieviel von den Fallschirmjägern der Wehrmacht in der Bundeswehr steckt, muss noch genauer herausgearbeitet werden, hier können erste Hinweise gegeben werden. (…)“. II
„Damit greift das MHM die Forderung des neuen Traditionserlasses der Bundeswehr von 2018 auf, die eigene Geschichte verstärkt zu thematisieren.“ III
„Vor allem für eine jüngere Generation von Soldatinnen und Soldaten will die Ausstellung Orientierungswissen anbieten, das auch auf fragwürdige Traditionsbezüge hinweist.“IV
Für die Ausstellung gab es offensichtlich ein „internes“, für den wissenschaftlichen Beirat des MHM verfasstes Konzeptpapier, das uns aber leider nicht zugänglich gemacht wurde.
II Hitlers Elitetruppe? Mythos Fallschirmjäger, herausgegeben von Magnus Pahl und Armin Wagner be.bra verlag, S. 9/10
III Hitlers Elitetruppe? Mythos Fallschirmjäger, herausgegeben von Magnus Pahl und Armin Wagner be.bra verlag, S.10
IV Hitlers Elitetruppe? Mythos Fallschirmjäger, herausgegeben von Magnus Pahl und Armin Wagner be.bra verlag, S.10
Beteiligung und Rolle BDF
Nach Bekanntwerden, dass diese Ausstellung in Vorbereitung war, wurden u.a. von Dienststellen der Bundeswehr, von Verbänden, aber auch von Privatpersonen Angebote zur Unterstützung gemacht und nach meiner Kenntnis vom MHM zumindest zum Teil auch angenommen.
Der BDF hatte Kenntnis von der Ausstellung seit Frühjahr vergangenen Jahres. Im Juli folgte dann ein erster Besuch durch mich in Dresden, um persönlich vor Ort mit den Verantwortlichen zu sprechen, der in ein Unterstützungsangebot auch von uns mündete.
Warum wollte der BDF unterstützen? Wir fühlten uns allein durch die Ziele gemäß unserer Satzung dem Thema der Ausstellung verpflichtet und wollten die bei uns verfügbaren Kenntnisse und Erfahrungen zum Thema dem MHM zugänglich machen. So gibt es bei uns noch Zeitzeugen – wenn auch nur noch wenige – die den Einsatz der Fallschirmjäger im 2. Weltkrieg als junge Männer miterlebt und weitere, die die Aufbaujahre unseres Bundes und der jungen Fallschirmjägertruppe der Bundeswehr selbst mitgestaltet haben. Darüber hinaus wollten wir Hinweise auf Material zum Thema geben, das teilweise nicht in öffentlich zugänglichen Archiven zu finden ist, Kontakte vermitteln und inhaltliche Anregungen zu Aspekten machen, die nach unserer Meinung in dieser Ausstellung Eingang finden sollten.
Die Erarbeitung der Plakate – die ja das Kernstück der Ausstellung darstellen – haben wir in der Folge begleitet und dazu zwei schriftliche Stellungnahmen verfasst. Sie enthielten ergänzende Vorschläge, aber auch eine ganze Reihe von kritischen Anmerkungen – auch grundsätzlicher Art – zu den auf den Plakaten getroffenen Feststellungen und bildlichen Darstellungen. Nach Aussage des Direktors des MHM und des Kurators der Ausstellung wurden unsere Papiere MHM-intern diskutiert. Leider konnten und können wir nicht feststellen, dass unsere Vorschläge, auch und gerade die kritischen, berücksichtigt wurden. Zur Begründung wurde angeführt, dass sie nach der fachlichen, geschichtswissenschaftlichen Bewertung des MHM zum guten Teil nicht auf dem aktuellen Forschungsstand gewesen seien. Unser Angebot, für den Teil der Ausstellung, der sich mit dem BDF befasst, die Bearbeiter unmittelbar persönlich zu unterstützen, wurde ebenfalls nicht angenommen.
Die später gelieferte Begründung hierfür lautete, dass man eine direkte Einbeziehung des BDF abgelehnt habe, weil man sich nicht dem Vorwurf, die notwendige wissenschaftlich-kritische Distanz aufgegeben zu haben, aussetzen wollte. Für meine Person kann ich nur feststellen, dass ich in Bezug auf letzteren Punkt den Wissenschaftlern im MHM mehr Souveränität gewünscht hätte. Es entstand so bei uns der deutliche Eindruck, dass unser Beitrag insgesamt offensichtlich nicht in die vorgegebene (?) Gesamtausrichtung der Ausstellung gepasst hat.
Um vor der Eröffnung der Ausstellung abschließend noch einmal mit dem Direktor und Kurator sprechen zu können und einen Eindruck von der Ausstellung „vor Ort“ zu bekommen, habe ich am 21.04.2021 einen nochmaligen Besuch in Dresden gemacht. Ich bin dabei von Brigadegeneral Stefan Geilen in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Fördervereins Fallschirmjägermuseum Altenstadt, von dem die Ausstellung ebenfalls unterstützt worden war, begleitet worden. Der Besuch half, die Positionen beider Seiten, der Vertreter des MHM auf der einen und des BDF/Fördervereins auf der anderen Seite, nochmals zu verdeutlichen, um Verständnis für die jeweilige Position zu erzeugen. Der Besuch brachte allerdings in den strittigen Sachfragen keine wesentliche Annäherung.
Anmerkungen
1.
Um den Rahmen dieses Artikels nicht zu sprengen, möchte ich nur auf einige grundsätzliche Aspekte der Ausstellung eingehen. Ich tue dies vor dem Hintergrund, dass der BDF nicht für sich in Anspruch nimmt, über die besseren „Militärhistoriker“ zu verfügen im Vergleich zu denen, die diese Ausstellung inhaltlich erarbeitet haben. Das schließt allerdings nicht aus, dass wir uns in der Lage und in der Pflicht sehen, uns auf der Grundlage nationaler wie internationaler Fachliteratur, umfangreicher Archivunterlagen und durchaus kompetenter Zeitzeugenaussagen klar zu positionieren, da uns die Thematik als Bund unmittelbar betrifft. Zudem sind – dem Wunsch der für die Ausstellung Verantwortlichen entsprechend – Diskussionsbeiträge ausdrücklich gewünscht.
2.
Wie kaum bei einem anderen Teil der Wehrmacht, sind die Einsätze der Fallschirmjäger durchaus wissenschaftlich aufbereitet und teilweise auch im internationalen Rahmen publiziert worden. Entgegen der bereits oben zitierten Aussage, der Forschungsstand zur Thematik sei eher gering, ist deswegen bei uns der Eindruck entstanden, dass die durch das MHM gewählten Quellen eher eine „Negativ-Auswahl“ bezüglich der darin enthaltenen Aussagen darstellen, was am Ende zu einem verzerrten Gesamtbild führt. Wohlgemerkt: Ich gehe unverändert davon aus, dass die vom MHM genutzten Quellen im wissenschaftlichen Sinn korrekt behandelt und zitiert wurden. Meine Kritik richtet sich gegen die Quellenauswahl: Wenn man sich am Beispiel der Bücher von Karl-Heinz Golla, Hans-Martin Stimpel und Günter Roth – letzterer immerhin u.a. ein ehemaliger Amtschef des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes – auf den Standpunkt stellt, dass sie wegen ihrer Zugehörigkeit zur Fallschirmjägertruppe ohnehin nur „pro domo“ sprächen, halte ich das für eine unbewiesene negative Behauptung und deshalb für eine wenig faire Geste. Liest man Kritiken von Fachleuten zu den Büchern der vorgenannten Autoren, kommt man zu einem anderen Bild als dem vom MHM gezeichneten. Deshalb berührt es schon merkwürdig, dass man bei den Quellenangaben zum Begleitband gerade die Namen der vorgenannten Autoren recht häufig findet.
Ich möchte ferner betonen, dass der BDF und seine Mitglieder durch das von uns zusammengetragene und für alle zugänglich gemachte Material im Bundesarchiv/Militärarchiv in Freiburg ganz wesentlich dazu beigetragen haben, dass eine wissenschaftliche Aufbereitung der Thematik möglich ist.
3.
Der BDF hatte bereits bei seinen Stellungnahmen ausdrück lich darauf verwiesen, auch Quellen zu verwenden, die aus - dem Bereich der ehemaligen Kriegsgegner im 2. Weltkrieg kommen – also derjenigen, die die deutschen Fallschirmjäger im Gefecht erlebt haben. Wir sind uns dabei im Klaren, dass die ehemaligen Kriegsgegner die Fallschirmjäger in erster Linie als Kämpfer und weniger als im Nationalsozialismus Verstrickte betrachtet haben.
Als Beispiel ein Zitat aus einem Bericht vom 22. März 1944 des damaligen britischen Oberbefehlshabers in Mt. Cassino, General Alexander, an den Chef des Generalstabes des britischen Empires, Feldmarschall Alanbrooke. Er schrieb über die deutschen Fallschirmjäger:„Unglücklicherweise kämpfen wir gegen die besten Soldaten der Welt. Was für Männer! Sie hätten das Luftbombardement Cassinos und dann das (….) Trommelfeuer des größten Teils von 800 Geschützen sehen sollen und wie dann den Neuseeländern, als sie zum Angriff antraten, ein Haufe die Stirn bot – nein kein Haufe, sondern was von diesen wilden Tieren übriggeblieben war. Ich sprach nachher mit mehreren von ihnen – treffliche, kräftig aussehende Burschen, und mit gesittetem Benehmen. Ich glaube nicht, dass irgendeine andere Truppe es damit hätte aufnehmen können, außer vielleicht diese Fallschirmjungens (selbst).“
Das Zitat spricht für sich und bedarf m. E. keiner weiteren Kommentierung.
Es wäre empfehlenswert gewesen, wenn bei den Teilen der Plakate und des Begleitbandes, die sich eher mit operativen und taktischen Fragen des Einsatzes und der Ausbildung der Wehrmachtsfallschirmjäger befassen, auch der eine oder andere militärische Fachmann unserer Tage beteiligt worden wäre. Es gibt in der Bundeswehr und auch außerhalb genug Expertise, was Luftlandeoperationen, Konzeption und Ausbildung bei neu-aufgestellten Verbänden etc. angeht.
4.
Was die unterstellte besondere Nähe zu Adolf Hitler in Person und zum Nationalsozialismus im Allgemeinen angeht, - waren die Fallschirmjäger m.E. derselben permanenten nationalsozialistischen Indoktrinierung ausgesetzt wie alle anderen Teile der Wehrmacht auch. Ich empfehle in diesem Zusammenhang das Buch von Hans-Martin Stimpel „Die deutsche Fallschirmtruppe 1936–1945. Innenansichten von Führung und Truppe“.V
Der vom MHM kritisierte Autor hat selbst im 2. Weltkrieg bei den Fallschirmjägern gedient, ist emeritierter Professor und hat sich durchaus intensiv und kritisch u.a. mit der Frage nach der Indoktrinierung der Truppengattung und ihrer Führer durch die Nazis befasst. M.E. wäre es realitätsfern zu glauben, dass es nicht auch bei den Fallschirmjägern der Wehrmacht vom Nationalsozialismus überzeugte Soldaten auf allen Ebenen gegeben hätte. Ein Ziel der permanenten Indoktrinierung und der auf Hochtouren laufenden Propagandamaschine. Bedenkt man, dass gerade bei den Fallschirmjägern nicht zuletzt wegen der hohen körperlichen Anforderungen regelmäßig junge Männer zum Einsatz kamen, die einen großen Teil ihres Lebens im 3. Reich verbracht hatten, liegt dies auf der Hand und muss nicht erst „ans Licht gezerrt werden“, wie man durch die Ausstellung im MHM vermuten könnte. Dass es auch nach dem Krieg sogenannte „Unverbesserliche“ auch bei den Fallschirmjägern gegeben hat, halte ich für sicher. Gleiches gilt im Übrigen – leider – auch für andere Berufsgruppen.
Davon abzuleiten, dass die Fallschirmjäger und ihre Führer jedoch zu allergrößten Teilen fanatische Nazis waren und dies quasi ein „Markenzeichen“ dieser Truppengattung war, müsste m.E. noch weiter hinterlegt werden. Die Gründe, zu den Fallschirmjägern zu gehen, waren vielfältig und reichen vom Wunsch, einer Elitetruppe angehören zu wollen bis hin zu der Befürchtung, sonst zur Waffen-SS eingezogen zu werden.
Was in diesem Zusammenhang den zitierten Wahlspruch der Fallschirmjäger „Treue um Treue“ angeht, verweise ich zum wiederholten Male auf die Ausführungen von Oberst Reinhold Janke im „Jahrbuch für Innere Führung“ für das Jahr 2016 VI, in dem er den Entstehungsgang des Leitspruchs aufzeigt, der weit vor die Zeit des 3. Reiches reicht. In einem Interview, das durch den Kurator der Ausstellung mit einem „alten Adler“ geführt wurde, sagt dieser unmissverständlich, dass der Leitspruch „Treue um Treue“ nicht regelmäßig, sondern wenn, eher als Zeichen des engen Zusammenhaltes unter den Fallschirmjägern im Sinne von horizontaler Kohäsion gebraucht wurde. Von einem besonderen Bezug zur Person Adolf Hitler war hier nicht die Rede. Im Übrigen verweise ich auf die Stellungnahmen im DDF zum Thema.
V Das Buch erschien 2009 im Mittler-Verlag. Prof.Dr.(em) Stimpel hat sich im Schwerpunkt seiner Lehre und Forschung mit der historischen und international vergleichenden Erziehungswissenschaft befasst
VI Herausgeber ist das Zentrum Innere Führung in Koblenz
5.
Mit Blick auf die Aufbauphase der Fallschirmjägertruppe der Bundeswehr und diejenigen, die dabei mitgewirkt haben, bleibt feststellen, dass für die Bundeswehr dasselbe galt, wie wohl für alle anderen, neu aufzubauenden Institutionen der damals jungen Bundesrepublik: Allein um der Professionalisierung willen und weil es schlicht und ergreifend kein anderes geeignetes Personal gab, musste auf diejenigen zurückgegriffen werden, die entsprechende Aufgaben schon vor 1945 wahrgenommen hatten. Auf wen denn sonst? Gerade beim Aufbau der Bundeswehr hat man sich allerdings bemüht, dass eben keine „braunen Schatten“ auf die junge Truppe fielen. Dass auch in den Anfangsjahren ein gewisser Pragmatismus unumgänglich war, zeigt ein Zitat, das man Konrad Adenauer zuschreibt: Auf die Frage eines Journalisten, wie man denn Offiziere in die Bundeswehr übernehmen könne, die bereits als Generale in der Wehrmacht gedient hätten, soll er in seiner unnachahmlichen rheinischen Art geantwortet haben: „Dat weiß ich selbst. Aber glauben Sie, daß mir die NATO 18-jährige Generale abnimmt?“ Es stünde der Ausstellung gut zu Gesicht, auf das Auswahlverfahren hinzuweisen, dass alle kriegsgedienten Soldaten, die auch in der Bundeswehr dienen wollten, zu durchlaufen hatten.
Ich denke hier insbesondere an den Personalgutachterausschuss, dem sich diejenigen zu stellen hatten, die in der Wehrmacht bereits als Obersten oder Generale gedient hatten. Um sich mit Blick auf die aus der Fallschirmtruppe der Wehrmacht in die Bundeswehr übernommenen Offiziere nicht dem Vorwurf der Einseitigkeit auszusetzen, hätte am Beispiel von den namentlich aufgeführten Generalmajoren Kroh und Gericke deren Werdegang und Leistungen – gerade beim Aufbau der Bundeswehr – differenzierter und auch fairer dargestellt werden müssen. Es entsteht so der Eindruck, sie sollten noch Jahrzehnte nach ihrem Tod als militärische Führer und Persönlichkeiten abqualifiziert werden. Diese diffamierende Darstellung der ersten beiden Kommandeure der 1. Luftlandedivision wird so nicht im Raume stehenbleiben: Es ist diesen beiden Generalen zu verdanken, dass sowohl die 1. Luftlandedivision als auch die Luftlandeschule innerhalb kürzester Zeit unter schwierigsten Bedingungen aufgebaut werden konnten.
Die Gründungsväter der Bundeswehr, die Mitbegründer der Inneren Führung, alle, die dem Aufbau der Bundeswehr mit ihren – schmerzvollen – Kriegserfahrungen gedient haben, haben das in sie gesetzte Vertrauen nicht enttäuscht. Warum sollte das nicht auch auf diejenigen zutreffen, die in die Bundeswehr eintraten und vorher im Krieg bei den Fallschirmjägern gedient hatten? Man sollte auch ihnen zubilligen, dass sie während des Krieges und danach „dazugelernt“ haben, was das Nazi-Regime und seine Auswirkungen angeht.
Anderen, so z.B. einem Schriftsteller wie Günter Grass, der bei der Waffen-SS gedient hat, haben wir einen Sinneswandel zugebilligt.
6.
Auf den Plakaten und im Begleitband zur Ausstellung wird die Gründung des BDF und anderer Veteranenvereine thematisiert. Es geht in diesem Teil dabei im Wesentlichen um die sogenannte „Veteranenkultur“ und das „Nachleben der Fallschirmjäger der Wehrmacht in der Bundeswehr“.
Dabei wird ein Bild gezeichnet, als ob es gerade den Gründern des BDF vorrangig darum ging, bei ihren Treffen in erster Linie „politische Forderungen“ zu formulieren und dass Versorgungsfragen und das Klären von Vermisstenschicksalen lediglich ein vordergründiger Zweck gewesen sei, quasi zur „Tarnung“ der eigentlichen politischen Interessen. Ich selbst habe in der eigenen Familie erlebt, was Vermisstenschicksale und ungeklärte Versorgungsfragen bedeuten können. Ich hätte denjenigen, die für diese Teile der Ausstellung verantwortlich gewesen sind, empfohlen, das Gespräch mit Älteren zu führen. Es hätte vielleicht zu besserer Einsicht und ein wenig mehr Empathie geführt. Dem Zweck der Ausstellung hätte es sicher nicht geschadet.
Wer sich über die Gründungsjahre des BDF informieren möchte, dem sei in der Ausgabe 2/2021 des DDF der Artikel von Oberst a.D. Steffen Rhode empfohlen VII. Darin zitiert der Verfasser aus dem „Programmheft für die Tagung (des Bundes ehem. Fallschirmjäger) am 28./29. Juli 1951“: „Eine Bindung an irgendeine politische Gruppe lehnen wir (deshalb) ab. In unseren Reihen sollen alle stehen, von der linken bis zur rechten Seite, und nichts anderes soll die Aufgabe sein, als der Aufbau eines Sozialwerkes“.
Davon unabhängig hätte mit Blick auf den BDF Erwähnung finden sollen, dass sich der Bund sehr frühzeitig und keineswegs nur unter dem Druck des Kalten Krieges – wie das MHM fälschlich unterstellt – um die Versöhnung mit den ehemaligen Westalliierten erfolgreich bemüht hat. Ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit von aktiven und ehemaligen Fallschirmjägern war u.a. in den 80er Jahren die Gründung der U.E.P. (Union Européenne des Parachutistes) als übergreifende europäische Vereinigung der nationalen Fallschirmjägerverbände. Deutschland und Frankreich waren die Gründernationen. Nach 1990 traten Polen und Ungarn dazu. Derzeit gehören der U.E.P. 10 Nationen an; eine 11. Nation ist im Anwärterstatus.
VI Herausgeber ist das Zentrum Innere Führung in Koblenz
VII DDF, Ausgabe 2/2021, S. 21–23
Fazit
Bei Besuchern und allen, die sich für die Ausstellung interessieren, dürfte wohl der nicht unberechtigte Eindruck entstehen, dass die mögliche Zielsetzung der Ausstellung die unterschiedslose „Demontage“ der ehemaligen Fallschirmjägertruppe und – was noch schwerer wiegt – die Darstellung ihres „braunen Schattenwurfes“ auch in die junge Bundeswehr hinein, ist. Es drängt sich der Verdacht auf, dass man dieser Zielsetzung folgend, auf alle verfügbaren Quellen quasi eine „Schablone“ gelegt und selektiv nur das ausgewählt hat, was dieser Zielsetzung dient.
War dies von den Verantwortlichen so gewollt? Falls nicht, hätte man die in der Ausstellung enthaltenen Aussagen und Wertungen in einen breiteren Kontext stellen müssen. In Sönke Neitzels Buch „Deutsche Krieger“ VIII ist dieser Ansatz der sogenannten „Kontextualisierung“ deutlich erkennbar und m.E. gelungen.
Mit Blick auf das Behandeln von Biographien von Persönlichkeiten aus dieser Zeit möchte ich auf ein Essay des bekannten Historikers Prof. Christopher Clark zur Person des Generalobersten der Wehrmacht Johannes Blaskowitz hinweisen. IX Das Essay ist ein gutes Beispiel für den gelungenen Versuch, eine Persönlichkeit in ihren konkreten Handlungen fair nachzuzeichnen und dabei eben ihrem „Gefangensein“ in ihrer Zeit gerecht zu werden. Es wäre erfreulich, wenn auch andere Historiker solchen Ansätzen folgen würden.
Biographien – gerade in Zeiten wie denen des Nationalsozialismus – folgen in der Regel kaum einem reinen „Schwarz-Weiß-Schema“.
Die Ausstellung folgt einem pädagogischen Zweck: Sie will „Orientierungswissen“ für jüngere Soldatinnen und Soldaten anbieten. Dagegen ist im Grundsatz nichts einzuwenden. Die Frage entsteht allerdings, ob dieser Absicht die Wirkung der Ausstellung auf junge Soldatinnen und Soldaten entspricht. Gerade letztere suchen Orientierung und Motivation für das, was sie am Ende im Einsatz im schlimmsten Fall in Erfüllung ihres Auftrages erwarten kann, nämlich Kampf mit Verwundung und Tod, dem eigenen und dem Tod von Gegnern.
Zugegeben, der 2. Weltkrieg liegt für die meisten der jüngeren Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr weit zurück. Die Einsätze der Bundeswehr – vor allem Afghanistan – prägen für sie auf der Basis eigenen Erlebens mehr und mehr das Bild vom „Krieger“. Es wäre aber verfehlt anzunehmen, dass der 2. Weltkrieg völlig aus ihrem Bewusstsein verschwunden ist. Allein die innerhalb der letzten Jahre neu erschienenen Filme und Bücher dazu lassen die Erinnerung immer wieder aufleben. Dass sich daraus auch für die jungen Leute die Frage ergibt, was das für Soldaten waren, die ihre Truppengattung nach dem Krieg aufgebaut haben und was denn deren Erbe ist, liegt auf der Hand. Welche Antwort wollen wir auf eine solche Frage geben, wenn man der Ausstellung folgt?
Es wäre – auch im Sinne der verkündeten Absicht der Ausstellung, gerade jüngeren Soldaten und Soldatinnen „Orientierungswissen“ nicht nur für die nationale Vergangenheit, sondern für die europäische Zukunft anzubieten – ein guter Ansatz gewesen, z.B. die Geschichte und Vorgeschichte der Übungsserie COLIBRI anzubieten. Diese Übungsserie wurde bereits anfangs der 60er Jahre von kriegsgedienten Fallschirmjägern mit initiiert.
Die historische Forschung zum 3. Reich und zum 2. Weltkrieg ist auch 75 Jahre danach noch im Fluss. Neue Quellen, so z.B. aus der Freigabe russischer Archive, bieten Anlass zur Fortschreibung. Für die damit befassten Historiker nicht immer eine leichte Aufgabe, da ihre Forschungsergebnisse regelmäßig auch politisch interpretiert werden. Um die wissenschaftliche Qualität ihrer Arbeit nicht zu gefährden, sollte die Forschung sich allerdings weder „politisieren“ lassen, noch dem jeweiligen Zeitgeist – heute „Mainstream“
genannt – folgen. Gerade der museale Auftrag zu ausgewogener und sachlicher Darstellung erfordert dies. Die Bewertung einer Ausstellung sollte dann durch die Besucher selbst erfolgen.
Es wäre im Sinne einer ausgewogenen Analyse in Vorbereitung der Ausstellung sachgerecht gewesen, auch die vielen und vielfältigen Initiativen zur internationalen Zusammenarbeit und Völkerverständigung darzustellen, die gerade unter den schwierigen Bedingungen der Nachkriegszeit von den kriegsgedienten Fallschirmjägern ausgingen und von den jüngeren Soldatengenerationen in der Bundeswehr immer weiter ausgebaut und fortgeführt wurden.
Diese Initiativen haben letztlich mit dazu beigetragen, dass wir heute wie selbstverständlich mit den ehemaligen Kriegsgegnern im Einsatz zusammenwirken.
Ich stelle mit Bedauern fest, dass sich hier für die Ausstellung Perspektiven und Chancen eröffnet hätten – auch im Sinne des Traditionserlasses – die leider nicht genutzt, sondern vertan wurden.
Hans-Werner Fritz
Generalleutnant a.D.